Bonusmaterial

Bei dem Text »Die Belagerung von Helsingborg« handelt es sich um ein Kapitel aus dem Rohmanuskript meines Romans »Im Zeichen des Löwen«, das nicht im Buch enthalten ist. Aus verschiedenen Gründen hatte ich entschieden, die Passage zu entfernen, bevor das Buch in Druck ging. Auf dieser Webseite möchte ich euch das gelöschte Kapitel zur Verfügung stellen. Ein Satz zur Orientierung: Der Text befand sich im Dritten Buch des Romans, zwischen Kapitel 14 und 15 bzw. zwischen Seite 622 und 623 der gedruckten Fassung.

Viel Spaß beim Lesen!

Die Belagerung von Helsingborg

Helsingborg in Schweden

Anno Domini 1362

Der Pfeffersack, der den König herausforderte: Du wirst verlieren, hatten sie gedacht, die Waffenknechte, die Bogenschützen, die Ritter auf ihren Schlachtrössern. Er hatte es in ihren Blicken gelesen, hatte die Furcht in ihren Gesichtern gesehen. Niemand hatte ihm zugetraut, diese Streitmacht zum Sieg zu führen, nicht einmal die hohen Herren in den Ratssälen der Hanse. Man hatte ihm das Kommando übertragen, weil es keinen anderen gab, der sich dieser schweren Aufgabe stellen wollte.

Doch er, Johann Wittenborg, Pfeffersack und stolz darauf, hatte sie eines Besseren belehrt.

Unter seinem Befehl war die Kriegsflotte nach Nordosten gesegelt, hatte die dänischen Schiffe vor Kopenhagen gestellt. Waldemar Atterdag, überrascht von der entschlossenen Gegenwehr der Hanse, war geflohen. Der mächtige Dänenkönig hatte Reißaus genommen, als er die Segel der Deutschen am Horizont erblickte! Kopenhagen war daraufhin schutzlos gewesen. Johann und die Seinen hatten die Handelsstadt nach kurzem Kampf genommen; Herzog Christoph, Waldemars Sohn, war bei dem Angriff getötet worden. Sie hatten reiche Beute gemacht, als sie die Kontore der dänischen Kaufleute plünderten.

Ein glorreicher Sieg für die Hanse und ein schwerer Schlag für den Feind.

Johann aber hatte sich nicht auf seinen Lorbeeren ausgeruht. Sein Ziel war es, die Kontrolle über den Öresund zurückzuerlangen, jene Meerenge zwischen Schonen und Sjælland, die überaus bedeutsam war für den Handel auf dem Baltischen Meer. Also hatte er die Flotte durch den Sund geführt, zur Festung Helsingborg, die die schmale Durchfahrt zum Kattegat beherrschte. Hier hatte der Zwist mit Waldemar seinen Anfang genommen: Atterdag hatte das Bollwerk an der schwedischen Küste vor anderthalb Jahren in seinen Besitz gebracht und forderte seitdem von den durchreisenden Schiffen unverschämte Zölle.

Johann und seine Streiter waren an der sandigen Küste gelandet, 2740 Kriegsmannen, ein beeindruckendes Heer, ausgestattet mit Pferden, Zelten und genug Proviant für einen langen Feldzug. Sie hatten einen engen Ring um die Festung gelegt, dem niemand entkam, und sechzehn Kriegsmaschinen in Stellung gebracht.

Seit zwölf Wochen nun schossen Katapulte und Bombarden ohne Unterlass auf Helsingborgs Mauern.

Die Wurfmaschinen und Geschütze richteten kaum etwas aus. Die Steinkugeln prallten einfach vom massiven Ringwall der Festung ab. Auch der Kaernan, der mächtige Turm im Zentrum der Anlage, widerstand den Geschossen beharrlich. Die Euphorie nach dem Sieg in Kopenhagen war Ernüchterung gewichen.

Beflügelt von seinem anfänglichen Erfolg hatte Johann sich der Hoffnung auf einen schnellen Sieg hingegeben. Allmählich gestand er sich ein, dass dieser Krieg ein zähes, ein mühseliges Geschäft werden würde.

Es war ein lauer Abend im Juni. Die Sonne stand tief über Sjælland; die Zelte warfen lange Schatten, die hier und da von aufflammenden Kochfeuern durchbrochen wurden. Johann schritt durch das Heerlager, zwei schwer gerüstete Männer seiner Leibgarde begleiteten ihn zur vordersten Linie des Belagerungsrings. Gelegentlich schwirrte ein feindlicher Pfeil heran. Johann blieb daher stets im Schutz der versetzt aufgestellten Sturmwände, hinter denen sich seine Bogenschützen verbargen und auf die Verteidiger Helsingborgs schossen.

Er verharrte hinter einem Schutzschirm, der keine dreißig Klafter vor der geschlossenen Zugbrücke stand.

»Vorsichtig jetzt«, raunte einer der Leibwächter. »Wenn die Dänen Euch entdecken, werden sie alles daran setzen, Euch zu töten.«

Johann spähte durch eine Ritze im Weidengeflecht. Vierzehn Türme umgaben den Kaernan, der in den dunkelblauen Abendhimmel stach wie ein zornig gereckter Arm. Freilich der Arm eines Giganten. Siebzig Ellen hoch war der Burgfried und auf seine Weise ebenso imposant wie Sankt Marien zu Lübeck.

Der Bürgermeister zuckte kaum merklich zusammen, als ein Knall an seine Ohren drang. Eine Bombarde, die unweit von ihm hinter einem hastig aufgeschütteten Erdwall stand, feuerte mit unerträglichem Getöse. Aus dem Bronzemaul schoss ein gleißender Blitz. Der Rückstoß erschütterte das Geschütz und warf das klobige Rohr von der Lafette. Die Kanoniere sprangen hastig zur Seite und verschwanden im wabernden Qualm. Johann hatte einen Heidenrespekt vor Feuerwaffen. Erst im vergangenen Jahr war im Keller des Rathauses ein Fass mit Schwarzpulver explodiert. Es hatte Tote gegeben, bei dem Unfall war außerdem ein Teil des Gebäudes zerstört worden. Er bereute längst, dass er dem Drängen seiner Hauptleute nachgegeben und zwei Bombarden mitgenommen hatte. Die gefährlichen Waffen waren nicht viel effektiver als herkömmliche Katapulte. Auch dieser Schuss richtete keinen Schaden an: Die Kugel zerplatzte wirkungslos an der Westmauer des Kaernan.

Die Bogenschützen waren da schon erfolgreicher. Eben beging ein Däne den Fehler, auf dem Wehrgang den Kopf nicht weit genug einzuziehen, als er die Lücke zwischen zwei Zinnen passierte. Ein Pfeil sirrte heran und fand eine ungeschützte Stelle am Hals. Der Getroffene taumelte; Blut quoll ihm aus dem Mund, bevor er umkippte. Mehrere Bogenschützen jubelten.

Ein glanzvoller Schuss, dachte Johann. Doch wie viele dieser Art müssen gelingen, bis Helsingborg fällt?

Niemand konnte sagen, wie viele Verteidiger sich in der Burg verschanzten. Eine solch große und wichtige Festung verfügte in Kriegszeiten gewiss über eine Besatzung von mehreren hundert Kämpfern, die unter dem Befehl eines erfahrenen Kommandanten standen. Und sie konnten lange ausharren. Johann wusste, dass Helsingborg über einen eigenen Brunnen verfügte, und im Kaernan lagerten vermutlich Vorräte für Monate. Er musste sich etwas einfallen lassen.

Er studierte die Mauern und suchte nach einer Schwachstelle, die er bisher übersehen hatte. Vergeblich. Dies war womöglich die stärkste Festung des Baltischen Meeres. Sogar die Zugbrücke war derart stabil, dass sie Kanonenbeschuss trotzte.

Als er gerade zum Heerlager zurückkehren wollte, näherte sich ihm ein Mann. Es war sein Partner Brun Warendorp, der eine Söldnertruppe anführte. Wie Johann trug er einen Harnisch und einen Helm, den er mit der rechten Hand festhielt, während er geduckt von Sturmwand zu Sturmwand lief. Die Verteidiger hatten ihn erblickt und schossen mit Armbrüsten auf ihn, doch die Bolzen verfehlten ihn entweder weit oder blieben in den Schutzschirmen stecken.

»Was treibst du hier draußen?«, fragte Brun schwer atmend. »Du hast Leute, die das für dich tun können.«

»Damit es wieder heißt: Der Krämer versteckt sich im Zelt, während andere den Kopf für ihn hinhalten?« Johann lächelte freudlos. »Nein, alter Freund. Wenn ich will, dass man mir folgt, darf ich die Gefahr nicht scheuen.«

»Gibt es etwas Neues?« Auch Brun blickte durch die Spalte im Weidengeflecht.

»Nichts. Türme und Mauern sind zu stabil für unsere Kriegsmaschinen. Ebenso gut könnten wir den Kaernan mit faulen Eiern bewerfen.« Johann schaute den Freund an. »Es tut gut, dich zu sehen. Bringst du Nachricht von unseren Verbündeten?«

Brun war vor zwei Wochen aufgebrochen, um herauszufinden, wo die zugesagte Unterstützung blieb. »Ja … aber sie wird dir nicht gefallen.«

»Heraus damit.«

»Schweden und Norweger werden nicht kommen.«

»Diese verdammten Feiglinge«, knurrte Johann. »Haben die Herren Könige wenigstens den Anstand, zu erklären, warum sie uns im Stich lassen?«

»Alles, was ich zu hören bekam, waren Ausflüchte und feige Lügen. Sie fürchten Waldemar und wollen sich seinen Zorn nicht zuziehen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.«

Dabei hatten die Könige von Schweden und Norwegen auf der Zusammenkunft in Greifswald gelobt, der Hanse Schiffe und Kriegsvolk zu senden. »Was ist mit dem Deutschen Orden?«, fragte Johann.

»Der schickt immerhin Geld.«

»Ich brauche kein Geld!«, brauste der Bürgermeister von Lübeck auf. »Ich brauche schwere Katapulte und Männer, die sie bedienen können!«

»Vom Deutschen Orden wirst du beides nicht bekommen«, erklärte Brun bedrückt. »Ich fürchte, wir sind auf uns gestellt.«

Johann ballte die Faust um den bernsteinbesetzten Knauf seines Schwertes, dass sich die Kanten schmerzhaft ins Fleisch gruben. »Eine Spur von Waldemar?«

»Er ist verschwunden, als hätte das Meer ihn verschlungen. Wahrscheinlich versteckt sich seine Flotte irgendwo in einer der tausend Buchten des Kattegat.«

Es war Johann ein Rätsel, warum Waldemar den eingeschlossenen Verteidigern von Helsingborg nicht zu Hilfe eilte. Welche Strategie verfolgte der Dänenkönig? »Gehen wir zurück.«

Sie blieben stets in Deckung und gelangten unbeschadet zum Lager. Während er zwischen den Zelten und Herdstellen entlangschritt, spürte Johann, wie ihm die Blicke der Männer folgten – Blicke voller Zweifel. Mit Entschlossenheit und ja, mit Glück war es ihm gelungen, sich den Ruf eines fähigen Feldherrn zu erarbeiten. Doch mit jedem weiteren Tag, den sie vor Helsingborg lagen und sich an der Festung die Zähne ausbissen, schwand das Zutrauen der Soldaten in seine Fähigkeiten. Nicht mehr lange, und der Kampfgeist der hansischen Streitmacht wäre dahin.

Mit Brun und den anderen Hauptleuten setzte er sich in seinem Zelt zusammen. Man erörterte die vertrackte Lage. Pläne wurden geschmiedet und wieder verworfen. Niemand wusste Rat.

Es war eine unruhige Nacht für Johann Wittenborg.

***

»Wir stürmen«, entschied er am nächsten Tag.

Scheußliche Nachtmahre hatten ihn geplagt, in einem Traum hatte er Glassplitter gekaut. Im Morgengrauen war Johann schweißgebadet aufgewacht. Nun fühlte er sich müde und zerschlagen – und dennoch entschlossen, dieser fruchtlosen Belagerung rasch ein Ende zu machen.

»Bei allem Respekt, Herr Wittenborg«, sagte einer der Hauptleute, die sich abermals in seinem Zelt eingefunden hatten. »Ich glaube nicht, dass wir Helsingborg einnehmen können, ehe wir nicht eine Bresche in den Wall geschossen haben. Die Mauern sind zu hoch, die Verteidiger zu zahlreich für einen Sturmangriff.«

»Wenn wir jeden verfügbaren Mann in die Schlacht werfen, kann es gelingen«, widersprach Johann.

»Es wäre klug, eine Reserve zurückzuhalten«, gab Brun zu bedenken.

»Nein. Wir müssen entschlossen zuschlagen und die Entscheidung erzwingen. Mit allem, was wir haben. Auch die Seeleute müssen kämpfen.«

Ein Hauptmann sog scharf die Luft ein. »Ich rate dringend davon ab, die Schiffe ohne jede Bewachung im Hafen zurückzulassen.«

»Na schön. Vierzig Mann sollen bei den Schiffen bleiben. Alle anderen machen sich bereit zum Angriff. Wenn die Sonne am höchsten steht, schlagen wir los.«

Niemand widersprach. Doch Johann spürte, dass er soeben eine einsame Entscheidung getroffen hatte.

***

Johann riss das Schwert aus der Scheide und reckte es in die Höhe. »Für die Hanse!«, brüllte er.

»Für die Hanse!«, donnerten tausende Männer wie aus einem Mund und griffen an.

Die Bogen- und Armbrustschützen belegten die Brustwehr mit einem tödlichen Hagel, während Kriegsknechte mit Sturmleitern gegen die Mauern vorrückten. Sie wurden ihrerseits beschossen. Dutzend fielen und blieben tot oder verletzt vor dem Ringwall liegen.

Auf den Wehrgängen drängten sich die Verteidiger. Dicht an dicht standen sie hinter den Zinnen, ihre Helme und Harnische gleißten im Sonnenlicht. Sie bewarfen die Angreifer mit Speeren und Steinen und versuchten, die Sturmleitern umzustoßen. Dies gelang ihnen manches Mal, sodass die Kriegsknechte, die daran hochkletterten, mehrere Klafter tief stürzten und sich die Knochen brachen.

Johann stand mit seiner Leibgarde außerhalb der Reichweite der feindlichen Bogenschützen und beobachtete das Kampfgeschehen. Er versuchte, nicht an die vielen hundert Männer zu denken, die heute ihr Leben verlieren würden – seinetwegen. Nein, sagte er sich. Es ist Waldemars Schuld. Er hat uns diesen Krieg aufgezwungen.

»Vorwärts!«, brüllte er, mehr um die eigenen Zweifel zu verscheuchen als um die Soldaten anzutreiben.

Es war ein langwieriges und verlustreiches Gefecht. Aufgrund der großen Zahl der Verteidiger und der erbitterten Gegenwehr, die sie leisteten, blieb keine Sturmleiter lange stehen. Nur wenige hansische Kriegsleute schafften es auf die Wehrgänge hinter der Brustwehr, und dort empfing sie obendrein eine erdrückende Übermacht, die mit Äxten, Schwertern und Lanzen auf sie eindrang. An mehreren Stellen des Ringwalls tobten heftige Kämpfe. Nach zwei Stunden hatten Johanns Streiter lediglich zwei kleinere Türme und den Mauerabschnitt dazwischen eingenommen. Wenn sie versuchten, in den Burghof vorzustoßen, wurden sie zurückgeschlagen.

»Sie brauchen Verstärkung. Edmund soll sich von der Südmauer zurückziehen und ihnen helfen«, sagte Johann zu einem Leibwächter, der sogleich loslief, um die Order zu überbringen.

Derweil hatte Bruns Söldnertruppe den Graben vor dem Torhaus mit Steinen und Sandsäcken zugeschüttet. Der Blutzoll, den die Schar dafür bezahlt hatte, war erheblich. Johann blickte immer wieder hinüber und schirmte die Augen gegen die blendende Sonne ab. Zu seiner Erleichterung war Brun wohlauf. Sein alter Freund wuselte zwischen den Männern umher, brüllte Befehle und packte mit an. Einmal riss er den Schild in die Höhe, um einen Stein abzuwehren, den die Soldaten auf dem Torhaus geworfen hatten.

Die Söldner zogen sich zurück und bemannten einen Widder, mit dem sie gegen die Zugbrücke vorrückten. Es hagelte Pfeile und Armbrustbolzen, die jedoch größtenteils im Dach des Rammwagens steckenblieben. Die Männer schwangen den hängenden Baumstamm, das schwere Rundholz schmetterte gegen das Burgtor. Zehnmal, zwanzigmal, dreißigmal übertönte das dröhnende Krachen den Kampflärm, doch die eisenverstärkten Balken gaben nicht nach.

Das Tor der Hölle könnte nicht fester sein, dachte Johann und kaute auf der Unterlippe.

Schließlich wurde der feindliche Beschuss so heftig, dass Brun und die Seinen sich zurückziehen mussten. Den nutzlosen Widder ließen sie einfach stehen.

Der Söldnerführer eilte zu Johann. In seinem Gesicht, dem welligen Haar klebten Schweiß und Staub; einzelne Blutspritzer sprenkelten den Brustharnisch. Seit Beginn des Angriffs focht er in vorderster Linie und wirkte dennoch nicht übermäßig erschöpft. Johann gestand ihm zu, dass er der zähere Mann von ihnen war.

»Beim heiligen Georg!«, knurrte Brun. »Eine Horde Riesen könnte die verdammte Zugbrücke nicht zerschmettern.«

Johann befahl einem Diener, Brun einen Becher Wein zu bringen. Der stürzte den mit Quellwasser verdünnten Rebensaft in wenigen Zügen hinunter und seufzte genießerisch.

»Die Dänen sind schlau«, sagte er. »Sie haben die Zugbrücke nicht ganz heraufgezogen, sondern etwas Spiel gelassen, sodass sie bei jedem Stoß zurückfedert. Das nimmt dem Sturmbock jegliche Wucht. Wir müssen sie sprengen.«

»Nimm dir alles Schwarzpulver, das du brauchst.«

»Meine Männer benötigen bessere Rüstungen. Die Dänen werden uns abschießen wie die Rebhühner, wenn sie uns mit dem Donnerkraut kommen sehen.«

Johann ließ seine Leibgardisten ausschwärmen und zwei dutzend Ritter, Hauptleute und reiche Lübecker einsammeln, die Plattenharnische, Eisenhüte mit breiten Krempen sowie Arm- und Beinschienen besaßen. Die Männer überließen ihre Rüstungen Bruns Söldnern, die daraufhin schwer gepanzert Pulverfässer zur Zugbrücke schleppten und unter dem Sturmbock deponierten. Die Verluste, die sie erlitten, waren dennoch schwer. Die Dänen, die freilich begriffen, was die Stunde geschlagen hatte, versammelten ihre besten Schützen auf dem Torhaus. Die meisten ihrer Pfeile und Bolzen prallten an den Rüstungen ab oder richteten kaum Schaden an, wenn sie die Panzerung durchschlugen, da ein jeder Söldner unter der Brünne ein Kettenhemd sowie ein gestepptes Wams trug. Gleichwohl fand manch ein Geschoss eine ungeschützte Stelle, woraufhin der Getroffene mitsamt dem Fass fiel.

Tote, Verletzte und Sterbende lagen auf dem Weg zum Torhaus. Johann sandte seine Leibgarde aus, um jene, die noch lebten, zum Lager zu bringen, wo Wundärzte ihr Möglichstes tun würden, sie zu retten. Einstweilen plazierten die Söldner die letzten beiden Fässer vor der Zugbrücke. Die Truppe war inzwischen auf die Hälfte der einstigen Größe geschrumpft, hatte aber nichts von ihrer Entschlossenheit eingebüßt. Brun hatte bei dem Anwerben der Männer ein gutes Händchen bewiesen, dachte Johann.

Brun höchstselbst war es, der rückwärtsgehend eine Pulverspur vom Rammwagen zur vordersten Linie der Sturmwände streute. Zwei Söldner schützten ihn mit Pavesen, rechteckigen Großschilden, vor dem heftigen Pfeilbeschuss. Hinter der Sturmwand reichte man Brun eine Fackel, er entzündete die Pulverspur, woraufhin eine funkensprühende Flamme auf das Torhaus zuraste. Die Verteidiger brachten sich hastig in Sicherheit, sodass kaum noch einer an der Brustwehr stand, als das tanzende Feuer unter dem Rammwagen verschwand.

Johann presste die Hände auf die Ohren. Trotzdem war der Donnerschlag derart laut, dass er fürchtete, sein Schädel werde platzen. Die Explosion zerriss das Torhaus förmlich. Eine Stichflamme, halb so hoch wie der Kaernan, schoss fauchend empor und spieh Trümmer in alle Richtung. Eine Staubwolke wallte auf und verhüllte für einen Moment die gesamte Westseite der Festung.

Stille schloss sich an. Johann fürchtete einen Herzschlag lang, der ohrenbetäubende Lärm habe ihn taub gemacht. Dann kehrten die Geräusche zurück, als die vor Schreck erstarrten Männer vor den Mauern und darauf fortsetzten, was sie vor dem Donnerschlag getan hatten: kämpfen, Feinde erschlagen, ihr Leben verteidigen.

Der Staub legte sich und gab den Blick frei auf die Bresche, die die Explosion geschaffen hatte. Wo eben noch das Torhaus gewesen war, klaffte ein gewaltiges Loch, in dem sich Schutt und gesplitterte Balken auftürmten. In den Staubschwaden, die durch den Burghof waberten, konnte Johann huschende Schemen ausmachen.

»Zum Angriff!«, schrie er.

Hornstöße erklangen. Er scharte jene Kriegsleute um sich, die sich noch nicht an den Kämpfen beteiligt hatten. Mit Brun und ihm an der Spitze rückte der mehrere hundert Mann starke Trupp gegen die Bresche vor und erklomm den Schutthügel. Die Dänen auf der anderen Seite – Männer mit staubigen Gesichtern und schreckgeweiteten Augen – bereiteten ihnen heißen Empfang. Auf dem Trümmerhaufen entbrannten Kämpfe Mann gegen Mann, als die Verteidiger mit dem Mut der Verzweiflung versuchten, die eindringende Streitmacht zurückzuwerfen.

Johann hielt Schwert und Schild in den Händen, doch er musste keinen einzigen Streich führen, keinen einzigen Hieb parieren. Seine Leibwächter, allesamt erfahrene Veteranen, umringten ihn und streckten jeden Angreifer nieder. Brun hatte es nicht so leicht. Wenige Schritte von Johann entfernt schwang er seine Klinge mit beiden Händen und trieb gleich zwei Dänen zurück.

Johann vermochte nicht zu sagen, wie lange er brauchte, um den Schuttberg zu überqueren. Vermutlich dauerte es weniger als eine halbe Stunde, die ihm jedoch wie eine Ewigkeit erschien. In winzigen Schritten ging es voran; seine Umgebung verschwamm zu einem blutroten Chaos aus Geschrei, klirrendem Stahl und wogenden Leibern. Bald führte sein Weg nicht mehr über Trümmerbrocken, sondern über die Körper der Gefallenen, die sich in der Bresche auftürmten wie hingeworfene Mehlsäcke.

Dann, endlich, führte er seine Mannen in den Burghof. Die geschlossene Wand der Verteidiger bröckelte und löste sich wenig später auf, als die Dänen ohne jede Ordnung zurückwichen.

»Helsingborg ist gefallen!«, brüllte jemand, und Johann vernahm einzelne Jubelschreie. Der Sieg war zweifellos nah, doch die Freude kam verfrüht.

»Sie ziehen sich in den Kaernan zurück!«, rief er Brun und den anderen Hauptleuten zu. »Schneidet ihnen den Weg ab, bevor sie sich verschanzen können.«

Der Zugang zum Kaernan lag nicht ebenerdig; die schmale Pforte war über eine Stiege zu erreichen, die man von innen heraufziehen konnte. Vor der Holztreppe erblickte Johann erstmals den Kommandanten der Festung. Es war ein kleiner, stämmiger Däne mit wildem blonden Haar, das mit dem Vollbart verschmolz. Sein mit goldenen Verzierungen versehener Harnisch sah reichlich ramponiert aus. Der Kommandant, zweifellos ein Edelmann, war sich offenbar nicht zu schade, an der Seite seiner Krieger in vorderster Front zu fechten. Eben schwenkte er das Schwert und scharte die zurückweichenden Dänen um sich. Ein kluger Zug. Statt kopflos zu fliehen, formten die Verteidiger Helsingborgs einen dichten Wall vor dem Kaernan, sodass sie sich nach und nach in den Turm zurückziehen und zugleich den einzigen Zugang gegen den hansischen Vorstoß verteidigen konnten.

Das Gefecht, das im Burghof entbrannte, war ein grausiges Gemetzel auf engstem Raum. Johann wich auf den Schutthügel zurück, um die Übersicht zu behalten. Es war vergebens. Dort, wo die beiden Haufen aufeinandertrafen, drängten sich die Männer derart dicht, dass man Freund und Feind nicht unterscheiden konnte. Die Leiber verkeilten sich ineinander; manch ein Krieger konnte kaum noch die Waffe schwingen. Fäuste und kurze Messer kamen zum Einsatz. Man versuchte, seinen Gegner mit bloßen Händen zu erwürgen oder ihn umzustoßen. Denn wer fiel, wurde regelrecht in den Boden getrampelt. Das Kreischen der Sterbenden war nicht so laut wie die Explosion, aber um ein Vielfaches schrecklicher. Johann erblickte einen Waffenknecht mit aufgeschlitztem Bauch, der sich aus dem Gedränge löste und ihm entgegentaumelte. Der Mann presste beide Hände auf die herausquellenden Gedärme und starrte Johann flehend an, ehe er zusammenbrach.

Die Deutschen waren den Dänen zahlenmäßig überlegen, konnten diesen Vorteil wegen der Enge jedoch nicht ausnutzen. Helsingborgs Verteidiger bildeten einen unerschütterlichen Wall vor dem Kaernan, der den Hof auf der gesamten Breite abriegelte, sodass sich immer mehr Männer in den Turm zurückziehen konnten. Zunächst die Verwundeten, alsbald aber auch Gesunde. Bogenschützen erschienen an den Zinnen, schossen Pfeile in die Masse der Angreifer und mussten nicht einmal zielen, um zu treffen.

Johann konnte spüren, dass die Moral der Truppe wankte. Die Männer, die den tödlichen Geschossen hilflos ausgeliefert waren, schauten sich bereits hektisch nach Fluchtwegen um. Unruhe kam in die Reihen, der Angriff verlor an Kraft. Wenn die Dänen erst im Kaernan sind, haben wir verloren, durchfuhr es ihn. In dem Turm können sie Monate ausharren. Er bezweifelte, dass ihr restliches Schießpulver ausreichen würde, die massiven Mauern zu sprengen.

Seine Gedanken rasten. Auf den Wehrgängen wurde nach wie vor erbittert gekämpft. Der Hauptteil des Heeres versuchte noch immer, den Ringwall zu erstürmen, um auch im Süden, Norden und Osten in die Burg einzudringen. Er beschloss, einen Teil der Männer vom Kaernan abzuziehen. Sie standen ohnehin zu weit hinten, um gegen die Dänen kämpfen zu können, und gaben lediglich Zielscheiben für die feindlichen Schützen ab. Wenn sie aber über die Sturmleitern woanders in die Festung gelangten, könnte Johann dem zähen dänischen Pulk im Burghof in die Flanke fallen und dessen Widerstand rasch brechen.

Er wollte gerade den entsprechenden Befehl geben, als ein Leibwächter ihn auf eine Gestalt aufmerksam machte, die vom Heerlager angerannt kam.

»Herr!«, schrie sie. »Herr Wittenborg!«

Aus den Staubschwaden vor dem Torhaus schoss ein Bursche von allenfalls vierzehn Jahren. Ein Schiffsjunge, erkannte Johann. Der Knabe erklomm den Trümmerberg auf Händen und Füßen und richtete sich zitternd und keuchend auf. Blut rann aus einer Schnittwunde an der Stirn.

»Was willst du?«, fragte Johann ungeduldig.

»Die Dänen, Herr. Sie sind im Hafen!«

»Was?«

»Sie kamen wie aus dem Nichts. Plötzlich waren sie da und fielen über unsere Schiffe her. Die Wachmannschaft wurde gefangengenommen. Ich bin der Einzige, der entkommen konnte.«

Johann starrte den Burschen an und hörte kaum noch den Kampflärm, der an seine Ohren drang. »Was ist mit den Bürgern und Ratsherren, die auf den Schiffen geblieben sind?«

Der Knabe zuckte nur mit den Schultern.

Johanns Stimme überschlug sich, als er mehrere Hauptleute zu sich rief. Er scharte jene Krieger um sich, die er vom Kaernan abziehen wollte, und eilte an der Spitze einer zweihundert Mann starken Truppe durch das Lager.

Die hansischen Koggen und leichten Segler, insgesamt zweiundfünfzig an der Zahl, lagen in der Bucht unter Helsingborg. Johann blieb auf dem Sandstrand stehen und betrachtete stumm die dänischen Kriegsschiffe, die sich unter seine Flotte gemischt hatten wie Wölfe unter eine Schafherde. Es wimmelte von feindlichen Soldaten. Zu hunderten bevölkerten sie die Decks der eroberten Wasserfahrzeuge.

Auch auf der Georg von Lübeck standen sie. Soeben rissen sie den rotweißen hansischen Wimpel herunter und hissten die dänische Flagge.

Johann war, als hätte man ihm einen Dolch in den Bauch gestoßen. Jähe Übelkeit stieg ihm die Kehle hinauf. Sein Schädel wurde heiß und fühlte sich an, als würde er jeden Moment platzen vor Scham, Wut und Verzweiflung. Wie ein Fieberkranker taumelte er einen Schritt zur Seite, sodass ein Leibwächter ihn stützen musste.

»Was sollen wir tun, Herr Wittenborg?«, hörte er einen Hauptmann fragen.

Johann versuchte, Worte zu formen. Zunge und Gaumen gehorchten ihm nicht mehr. Sein ganzer Mund war ausgetrocknet, als hätte er seit zwei Tagen nichts getrunken.

Von der Georg von Lübeck löste sich ein Ruderboot. Zwanzig Krieger bedienten kraftvoll die Riemen, sodass es wenig später den Strand erreichte. Ein Mann von rund vierzig Jahren stieg aus und ging Johann ohne Begleitung entgegen, als wäre auch der Bürgermeister von Lübeck allein. Die zweihundert Kämpfer, die die Waffen gezogen hatten und ihn feindselig anstarrten, beeindruckten ihn nicht. Vier Schritte vor Johann blieb der Mann stehen. Er war gutaussehend und wirkte keineswegs wie der grausame Schlächter, der er war. Ein vornehm gestutzter Bart an Kinn und Lippen zierte die markanten Züge. Eine prächtige Rüstung schützte den hochgewachsenen, athletischen Leib.

»Johann«, grüßte Waldemar Atterdag mit angenehmer Stimme. »Bitte sei so freundlich und sag deinen Mannen, dass sie die Waffen niederlegen sollen, auf dass wir bei einem Kelch Wein die Kapitulation der Hanse verhandeln können.«

ENDE

Die Kurzgeschichte »Der Meister und der Bastard« spielt einige Jahre vor meinem Roman »Im Zeichen des Löwen« und erzählt dessen Vorgeschichte. Darin lernen Sie Schiffsbaumeister Folkmar Peters, den Bastard Jann Wilken und andere wichtige Figuren der Friesensaga kennen.

Viel Spaß beim Lesen!

Der Meister und der Bastard

Warfstede in Harlingerland
Anno Domini 1344

Der Bastard war wieder da.

Er musste aufgetaucht sein, als Folkmar unten im Frachtraum gewesen war. Wie üblich hockte der blasse Junge am Ufer und beobachtete das Geschehen an Bord. Er konnte stundenlang dasitzen, beinahe reglos, während der Wind mit seinem hellen Haar spielte.

Folkmar Peters war Schiffsbaumeister. Ihm gehörte die Lastadie am Rande des Dorfes, wo er seit nunmehr elf Jahren Schiffe und Boote konstruierte. Seit dem vorletzten Herbst arbeiteten seine Leute und er an einer neuen Kogge. Das bauchige Hochseeschiff hatte den Stapellauf bereits hinter sich; gehalten von dicken Tauen schwamm es auf dem kleinen See an der Landseite des Deichs. Bald würden sie mit den Aufbauten beginnen. Zunächst aber passten sie die Decksplanken ein: eine vergleichsweise leichte Arbeit, zumal das Wetter ihnen gewogen war.

Der Bastard beäugte jeden ihrer Handgriffe.

Jann Wilken heißt er, erinnerte sich Folkmar. Jann war der Sohn von Wilke Tammen Osinga, dem reichsten Mann von Warfstede, der mit seinen Kriegsleuten das Steinhaus bewohnte und dem Kirchspiel als Richter vorsaß. Wilke hatte ihn mit einer Magd gezeugt und fütterte den Bastard durch, wie es die Ehre von ihm verlangte. Bei Ebbe ging Jann stets zum Siel und prüfte, ob sich das Schleusentor richtig öffnete. Andere Aufgaben hatte er offenbar keine. Sonst könnte er nicht Tag für Tag hier sitzen und ihnen zuschauen.

Folkmar schüttelte den Kopf, griff nach Hammer und Beitel und ging den Gesellen zur Hand.

Es war ein milder Sommermorgen. Der laue Wind kräuselte das Wasser und strich durch das Röhricht. Draußen vor dem Deich glitzerte das Watt wie ein gewaltiger Silberhort, über dem Priel kreischten die Möwen. Zur Mittagsstunde, als die Männer gerade das Werkzeug niederlegten, bemerkte Folkmar eine Gestalt auf dem Pfad am Seeufer. Es war Wilke Tammen.

»Geht schon einmal vor«, sagte Folkmar zu den Gesellen, die daraufhin das Schiff verließen und im Schatten ihr Essen auspackten. Währenddessen schritt Wilke zum Anleger. Als Jann seinen Vater erblickte, stand er ruckartig auf. Wilke beachtete den Jungen nicht. Das Holz knarrte, als er die breite Planke heraufkam und auf das Deck trat.

Der Richter war ein Bär von einem Mann, mit vernarbten Zügen, wucherndem Barthaar und Armmuskeln wie Schiffstaue. Er trug ein grünes Gewand aus flandrischem Tuch, gehalten von einem Gürtel aus Leder und Gold. Folkmar hatte nicht viel übrig für Wilke, der sich gebärdete wie ein Herr, obwohl er als Richter in keiner Weise über den anderen Dorfbewohnern stand. Die Menschen von Warfstede waren freie Friesen, niemandem untertan. Doch Folkmar behielt seine Abneigung für sich. Wilke war es, der die Kogge in Auftrag gegeben hatte. Von seinem Silber ernährte Folkmar Frau und Tochter, bezahlte er die Gesellen.

»Wie geht es voran?« Wilkes Stimme grollte wie die Brandung in einer stürmischen Nacht.

»Sieh selbst.« Folkmar war kein Freund vieler Worte. Lange Reden ermüdeten ihn schneller als die harte Arbeit auf der Lastadie.

Wilke ging auf dem halbfertigen Deck umher, betrachtete das Bratspill, blickte hinunter in den Frachtraum. Die Zimmerleute hatten sorgfältig gearbeitet, doch ihm kam kein Lob über die Lippen. »Willst du bald den Mast setzen?«

»Nächste Woche.«

»Wann wird sie fertig sein?«

»Zu Michaelis im kommenden Jahr, wenn das Holz nicht teurer wird.«

Wilke hakte die Daumen hinter den Gürtel. »Ich brauche sie früher.«

»Du weißt, dass es drei Jahre dauert, eine Kogge zu bauen.«

»Strengt euch an, damit es schneller geht. Im nächsten Sommer will ich die Jungfernfahrt machen.«

»Das kostet einen Aufpreis.«

»Du bekommst sechshundert Mark, wie es vereinbart ist. Das muss reichen.« Wilke klopfte ihm auf die Schulter und ging von Bord.

Folkmar machte sich keine Sorgen, die Arbeit rechtzeitig zu schaffen. Er hatte mehr Zeit als nötig eingeplant. Er kannte Männer wie Wilke zu Genüge. Seine Auftraggeber waren reiche Friesen, Kaufleute aus Bremen, Edelleute aus Sachsen. Unverschämt waren sie alle.

Als Wilke fort war, ging er über die Planke an Land. Der Bastard sprang auf, flitzte wie ein aufgeschrecktes Kaninchen an der Helling vorbei und rannte zum Dorf.

Ein seltsamer Junge, dachte Folkmar und setzte sich zu den Gesellen.

***

Auch am nächsten Morgen saß Jann am See.

Jorien beobachtete ihn seit Tagen, doch sie hatte noch nicht den Mut gefunden, ihn anzusprechen. Sie hatte ein wenig Angst vor Wilke Tammen und dessen Söhnen, die allesamt älter waren als sie. Jorien erlebte gerade ihren zehnten Sommer.

Das Haus ihrer Eltern lag einen Steinwurf von der Lastadie entfernt. Alte Birken umstanden das langgestreckte Holzgebäude; ihre Blätter schufen einen grünen Baldachin, unter dem es selbst im Juni schattig und kühl war. Jorien hatte Jann entdeckt, als sie nach draußen gegangen war, um die Hühner im Gemüsegarten zu füttern. Eine ganze Weile stand sie da und spähte in seine Richtung, bis ihre Mutter sie rief.

»Schau, das Festgewand ist ganz schmutzig.« Etta saß auf der Bettkante und betrachtete stirnrunzelnd die Flecken auf dem feinen Tuch. Anders als die meisten Dorfbewohner besaß Joriens Vater zwei Gewänder: eines für den Alltag und ein zweites für besondere Anlässe. Er war kein reicher Mann, doch als Schiffsbaumeister verdiente er mehr als ein Bauer oder Torfstecher, sodass er sich diesen kleinen Luxus leisten konnte. »Dein Vater möchte es am Sonntag anziehen. Ich muss es waschen. Holst du mir Wasser?«

»Gewiss, Mutter.« Mit einem Eimer in jeder Hand verließ Jorien das Haus und schlenderte zum See. Das Schilfrohr am Ufer wiegte sich im Wind wie eine Tänzerschar zu Flötenklängen. Zuerst wollte sie einen Bogen um Jann machen. Dann fasste sie sich ein Herz und ging zu ihm. Obwohl sie kaum ein Geräusch machte, bemerkte er sie. Wachsam, fast gehetzt blickte er sie an.

»Warum sitzt du jeden Tag hier?«

»Nur so.«

»Ich bin Jorien Folkmars.«

»Ich weiß, wer du bist.« Er schaute wieder zur Kogge.

Jorien stellte die Eimer ab und setzte sich auf die Böschung. Jann hatte drei Halbbrüder. Da war der schöne Unicke Wilken, der einmal das Steinhaus der Familie Osinga erben und Richter des Kirchspiels werden würde. Here, der Zweitgeborene, trug stets ein großspuriges Grinsen zur Schau. Abbe, der dritte, hatte krumme Glieder und einen Buckel wie ein Schrat aus dem Moor. Jorien gruselte sich vor ihm.

Was sie von Jann halten sollte, wusste sie nicht recht. Auf jeden Fall war er genauso wortkarg wie ihr Vater.

»Magst du Schiffe?«

Jann nickte. Jorien seufzte in sich hinein. Musste man ihm alles aus der Nase ziehen?

»Ich mag Holz«, rückte er plötzlich heraus, und es klang, als müsse er zunächst jedes Wort sorgfältig prüfen. »Und was man damit machen kann.«

»Willst du dich an Bord umsehen? Mein Vater hat gewiss nichts dagegen.«

»Ich sitze lieber hier«, murmelte er.

Schweigend betrachteten sie das Schiff und lauschten dem Hämmern der Zimmerleute.

»Wo bleibst du denn?«, rief ihre Mutter.

»Ich muss zurück.« Eilends füllte sie die Eimer und schleppte sie die Böschung herauf. »Bis bald.«

»Ja«, sagte er nur.

Als Jorien zum Haus zurückging, dachte sie, dass Jann ganz anders war als seine Halbbrüder. Er war nicht so schön wie Unicke, nicht so hässlich wie Abbe und ganz gewiss nicht so hochnäsig wie Here.

Den restlichen Tag dachte sie über diesen ungewöhnlichen Jungen nach.

***

Am nächsten Tag erschien Jann nicht bei der Lastadie. Jorien fragte sich, ob sie ihn mit ihren Fragen vertrieben hatte. Am frühen Nachmittag, als sich das Meer von der Küste zurückzog, ging sie zum Siel. Die Salzwiesen an der Tidenseite des Deichs lagen bereits trocken. Das Schleusentor hatte sich teilweise geöffnet und entließ den während der Flut aufgestauten Fluss hinaus ins Watt.

Jann tauchte kurz nach ihr auf. Er warf ihr einen schwer zu deutenden Blick zu, ehe er ein Floß ins Wasser schob und mit den Händen zum Siel paddelte. Ein dicker Ast hatte sich im Tor verkeilt und blockierte einen Flügel. Jann zerrte daran.

»Brauchst du Hilfe?«

Er paddelte zum Flussufer, reichte ihr die Hand und zog sie aufs Floß. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, den Ast zu lockern, sodass er fortgeschwemmt wurde. Jann lächelte sie so flüchtig an, dass sie es fast nicht bemerkt hätte.

Das Floß trieb durch das offene Siel. Sie lenkten es ins flache Wasser, wo sie heruntersprangen und es auf die Salzwiese zogen. Dann setzten sie sich auf den Deich und schauten aufs Meer hinaus, während ihre Füße in der Sonne trockneten.

»Warum sieht dein Bruder Abbe so komisch aus?«, fragte Jorien nach einer Weile.

»Er kam so zur Welt.«

»Das weiß ich. Aber warum? War seine Mutter krank, als sie mit ihm schwanger war?«

»Keine Ahnung«, sagte Jann. »Ich schätze, Gott hat ihn so gemacht, um uns zu prüfen.«

»Viele im Dorf haben Angst vor ihm.«

Er schaute sie an. »Du auch?«

»Ein bisschen«, gestand sie.

»Abbe ist der freundlichste Mensch, den ich kenne.« Jann klang verärgert. »Und er ist klüger als die meisten. Er kann lesen und schreiben, weißt du?«

Jorien fühlte sich schlecht. Warum plapperte sie auch so ein dummes Zeug? »Du magst ihn sehr, oder?«

»Er ist mein bester Freund.«

Ganz Warfstede verachtete den buckligen Abbe Wilken, doch das schien Jann nicht im Geringsten zu kümmern.

»Wohin gehst du?«, fragte sie, als er aufstand.

»Zur Lastadie.«

»Ich komme mit.«

Sie setzten sich an dieselbe Stelle wie gestern. Jann schien nicht nachtragend zu sein. Unvermittelt sagte er:

»Ich will Schiffe bauen.« Seine dunklen Augen glitzerten wie Bernstein. »Stell dir vor, du baust ein Schiff, auf dem ein Kaufmann nach Lübeck fahren kann. Oder nach Bergen. Und du baust es so gut, dass er keine Angst vor Stürmen haben muss. Das würde mich stolz machen.«

»Du willst Zimmermann werden?«

»Ja«, antwortete er voller Überzeugung.

»Warum fragst du nicht meinen Vater, ob du für ihn arbeiten darfst? Er hatte schon lange keinen Lehrburschen mehr. Wie alt bist du?«

»Elf.«

»Ein bisschen alt für einen Lehrjungen. Aber vielleicht nimmt er dich ja trotzdem an.«

»Ich weiß nicht …« Er rupfte einen Halm aus und strich damit über das Wasser.

»Mein Vater ist ein freundlicher Mann«, ermunterte sie ihn und entschied: »Gleich morgen fragst du ihn.«

Er gab keine Antwort. Aber da war wieder dieses Glitzern in seinen Augen.

Sie schauten zu, wie die Männer Planken an Deck trugen, die Bretter zusägten und verlegten.

»Was ist eigentlich mit deiner Nase passiert?« Das fragte sich Jorien seit ihrer ersten Begegnung. Seine Nase saß leicht schief im Gesicht.

»Das war mein Bruder Here. Er hat sie mir gebrochen, bei einer Rauferei.«

»Here ist ein ganz schöner Mistsack, oder?«

»Ein richtig blöder Mistsack«, bestätigte Jann.

Sie sahen einander an und fingen gleichzeitig an zu grinsen.

***

Folkmar brauchte nicht viel Schlaf. Noch vor dem ersten Hahnenschrei stand er auf und ging zur Lastadie. Die Schuppen und Werkhütten um die Helling, dunkle Flecken in der schwindenden Finsternis, gerannen allmählich zu festen Formen. Wind strich über den See und raschelte leise im Röhricht: das einzige Geräusch, das Folkmar vernahm. Die Gesellen würden erst später kommen, nachdem die Morgenglocke geläutet hatte. Er trat auf den Anleger, biss von einem Brotkanten ab und betrachtete die halbfertige Kogge. Er liebte diese frühen Stunden, wenn er allein war mit seinen Gedanken und in Ruhe die anstehende Arbeit durchgehen konnte. In einigen Tagen würden sie den Mast einzapfen. Er war bereits fertig und lag bei den Feuergruben: ein enormes Stück Tannenholz, sechsundfünfzig Ellen lang, was der vierfachen Breite des Rumpfs von Bord zu Bord entsprach. Beim Schiffbau kam es auf die richtigen Größenverhältnisse an. Länge und Breite der Rumpfschale, Höhe der Bordwände, Anzahl der Spanten und Planken – alles musste präzise aufeinander abgestimmt werden, oder die Kogge wäre nicht seetüchtig. Nichts davon war irgendwo aufgeschrieben. Sämtliche Zahlen hatte Folkmar im Kopf; sie waren ihm so vertraut wie die Namen seiner Lieben.

Sein Blick wanderte vom Bug zum Achterschiff. Hatte er alles richtig gemacht? Lieber hundert mal zu oft nachgedacht als einmal zu wenig. Ein Fehler in der Konstruktion konnte Leben kosten. Als er den letzten Brotbissen herunterschluckte, kam er zu dem Schluss, dass er nichts übersehen hatte. Sie hatten gut gearbeitet. Sie konnten weitermachen.

Folkmar vernahm ein Geräusch und erwartete einen Gesellen zu sehen, der früher als gewohnt zur Arbeit erschien. Doch auf der Lastadie war niemand. Er trat aufs Ufer und kniff die Lippen zusammen. Da war es wieder: ein leises Klappern, es kam von einem Schuppen. Wollte man ihm sein kostbares Werkzeug stehlen? Die Dorfbewohner würden so etwas nicht tun, sie waren ausnahmslos rechtschaffen. Unter den auswärtigen Händlern jedoch, die nach Warfstede kamen und auf dem Markt Tuch und Spezereien feilboten, waren mitunter zwielichtige Gestalten, denen er keine halbe Elle weit traute.

Im Vorbeigehen nahm er ein Zimmermannsbeil vom Tisch und näherte sich der Werkhütte, deren Tür einen Spalt offen stand. Seine Hände waren schweißnass. Er verabscheute Gewalt. Doch er war entschlossen, seine Habe zu verteidigen.

Er riss die Tür auf und hörte ein erschrockenes Keuchen. Im schwachen Licht, das durch die Fensterschlitze fiel, sah er einen zurückweichenden Schemen. Mit drei langen Schritten war Folkmar bei ihm, packte den Dieb am Kragen und holte mit dem Beil aus.

»Gib sofort meine Sachen her, oder ich schlag dich tot!«

Ein Beitel fiel zu Boden. Er schüttelte den Kerl, der wie erstarrt war und die Arme von sich streckte.

Es war der Bastard.

»Was zum Teufel …?«, knurrte Folkmar und ließ das Beil sinken.

»Ich wollte nichts wegnehmen – wirklich!«, beteuerte der Junge.

»Was schleichst du hier herum?«

»Ich … ich … wollte mich nur umsehen. Das Werkzeug anschauen.«

»Ich hätte dich fast in Stücke gehauen!«

Der Junge starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. Folkmar ließ ihn los.

»Mach das nicht wieder, hörst du? Wenn du etwas anschauen willst, frag vorher. Was bist du überhaupt so früh wach? Im Steinhaus liegen doch bestimmt alle noch in den Betten.«

»Ich konnte nicht schlafen.«

Folkmar hob den Beitel auf und legte ihn zu den anderen Werkzeugen. Der Junge rührte sich nicht vom Fleck.

»Verschwinde, na los.«

Jann ging zwei, drei Schritte zur Tür, dann blieb er stehen.

Folkmar seufzte. »Was denn noch?«

Es dauerte schier eine Ewigkeit, bis Jann mit einer Antwort herausrückte. »Darf ich dein Lehrling werden?«

Folkmar runzelte die Stirn. Was redete der Junge da?

»Ich will lernen, wie man Schiffe baut.«

»Ich suche gerade keinen Lehrburschen.«

»Aber Jorien hat gesagt –«

»Jorien hat das nicht zu entscheiden«, unterbrach Folkmar ihn ungehalten. »Weiß eigentlich dein Vater, dass du hier bist?«

Jann schüttelte den Kopf.

»Ein Zimmermann muss aus ehrlichen Verhältnissen kommen. Einen Bastard kann ich nicht gebrauchen.«

Jann stand einfach da. Sein Gesicht war bar jeder Regung, soweit Folkmar im trüben Licht erkennen konnte.

»Hast du verstanden, was ich gesagt habe?«

Endlich trollte sich der Junge. Schlüpfte durch die Tür und gab Fersengeld. Folkmar verzog den Mund. So waren Wilke Tammen und seine Söhne: Hielten sich für die Herren der Welt und glaubten, sie könnten alles haben. Sogar der Bastard.

***

Abends, als die Sonne tief über der Marsch stand und die Werkhütten lange Schatten warfen, verlegten sie die letzte Decksplanke. Es war noch hell genug, dass sie hätten weiterarbeiten können. Folkmar aber entschied, es für heute gut sein zu lassen. Die Gesellen klopften das Werkzeug auf, wie es Brauch war, und marschierten von Bord.

»Kommst du mit in die Schenke?«, fragte einer.

»Ich esse daheim.« Folkmar verabschiedete die Männer, die ein fröhliches Lied anstimmten, während sie zum Dorf schlenderten.

Zuhause stand das Essen bereits auf dem Tisch. Es gab Erbseneintopf. Etta füllte seine Schale und stellte ihm einen Becher mit Dünnbier hin.

»War Jann Wilken heute bei dir?«, fragte seine Tochter.

Folkmar legte den Löffel hin. »Er hat mich gefragt, ob ich ihn in die Lehre nehme. Hast du ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt?«

Jorien nickte. »Er würde gern Schiffe bauen.«

»Wenn ich einen Bastard zum Zimmermann ausbildete, würde mir die Zunft die Hölle heißmachen. Was hast du dir dabei gedacht?«

»Ich wollte ihm helfen. Du sagst doch immer, man muss den Leuten helfen.«

»Der Junge ist ein Osinga – er braucht deine Hilfe nicht.« Folkmar blickte seine Tochter streng an. »Ich will nicht, dass du dich mit ihm abgibst. Er ist ein schlechter Einfluss.«

»Aber er ist mein Freund!«, protestierte Jorien.

»Du wirst dich von ihm fernhalten.«

»Folkmar«, begann Etta.

Er hieb mit der Faust auf den Tisch, dass Frau und Tochter zusammenzuckten. »Wenn ich den Jungen noch einmal auf der Lastadie herumschleichen sehe, jage ich ihn fort. Jetzt genug davon. Lasst uns essen.«

Niemand sprach ein Wort, während sie den Eintopf verzehrten.

***

Der Sonntag war der einzige Tag in der Woche, an dem Folkmar länger schlief. Nach dem Morgenbrot legte er das Festgewand an und ging mit seiner Familie zum Gottesdienst. Die Kirche stand neben dem Steinhaus der Familie Osinga auf der Wurt, jenem grasbewachsenen Erdhügel, den die Gründer des Dorfes vor langer Zeit aufgeschüttet hatten, um das Gotteshaus vor Sturmfluten zu schützen. Die Kirche war älter als der Deich, als das trutzige Heim der Osinga, als sämtliche Hütten ringsherum: ein düsterer Bau aus rissigen Backsteinen, mehr Festung als Tempel. Auf Simsen und Mauervorsprüngen brannten Talgkerzen, verschmolzen zu wulstigen Gebilden, die Folkmar an menschliche Gebeine erinnerten.

Ippe Tammen, der Vikar des Kirchspiels, las die Messe, zu der das ganze Dorf gekommen war. Wilke Tammen stand mit seinem Weib Sibbe vorne beim Altar. Bei ihnen waren ihre drei Söhne sowie die Kriegsleute und Diener der Familie. Folkmar spähte zu Janns Mutter, einer Magd namens Gela Reinken, eine Schönheit mit fein geschnittenen Zügen und blondem Haar, das sie züchtig unter der Haube verbarg. Sie und Jann standen am äußersten Rand der Gruppe, als könnte Sibbe ihre Nähe nicht ertragen. Gela hielt den Blick gesenkt. Folkmar schaute weg. Er ärgerte sich über seine Neugier. Die persönlichen Belange der Familie Osinga gingen ihn nicht das Geringste an.

Ippe war ein umständlicher Mann mit einer Vorliebe für langatmige Predigten. Als die Gemeinde endlich den Segen erhielt, war der Morgen bereits weit fortgeschritten. Draußen wandte Folkmar das Gesicht zur Sonne und schloss für einen Moment die Augen. Vermutlich war es gotteslästerlich, so etwas zu denken, doch er mochte die finstere und kalte Kirche nicht. Eigentlich mochte er gar keine Kirchen. Am liebsten wäre es ihm gewesen, man würde den Gottesdienst unter freiem Himmel feiern, umgeben von Gras und Blumen und frischer Luft, wie es ihre Vorfahren getan hatten, bevor das Christentum nach Friesland gekommen war.

Er wollte gerade die Wurt hinabsteigen und ein paar Worte mit dem Segelmacher wechseln, als Wilke auf ihn zukam.

»Wir speisen drüben auf der Wiese. Sei mein Gast.«

Folkmar konnte sich Angenehmeres vorstellen, als den Sonntag mit den Osinga zu verbringen. Doch er konnte es sich nicht erlauben, Wilke vor den Kopf zu stoßen.

Im Schatten einer ausladenden Birke stellten die Knechte einen Tisch und zwei Bänke auf. Das Steinhaus überragte die Bäume und die reetgedeckten Hütten der Bauern und Fischer. Es hatte drei Stockwerke und bestand gänzlich aus roten Backsteinen, weshalb es weithin zu sehen war wie ein steingewordenes Leuchtfeuer. Die Mägde bestückten die Tafel mit Frankenwein, Brot, Käse und kaltem Fleisch. Folkmar stieß mit Wilke und dessen erstgeborenem Sohn Unicke an, ehe sich alle setzten. Der bucklige Abbe hatte sichtlich Mühe, die steifen Beine über die Bank zu heben und unter den Tisch zu stellen; umständlich hantierte er mit dem Gehstock. Obwohl er das Gesicht vor Schmerz verzog, half niemand dem armen Jungen. Sein Bruder Here machte sich über ihn lustig und sagte, Abbe sehe aus wie ein garstiger Wasserspeier. Folkmar wandte den Blick ab.

Etta begann sogleich mit Sibbe zu plaudern. Im Gegensatz zu Folkmar hatte sie Freude an Gesprächen und genoss es, die Freuden und Sorgen anderer zu hören, weshalb sie im ganzen Dorf beliebt war. Jorien spähte derweil ständig zu Jann, der nicht mit ihnen am Tisch saß. Der Junge musste seiner Mutter helfen, die Familie und deren Gäste zu bedienen. Folkmar seufzte in sich hinein. Warum hatte sie ausgerechnet mit ihm Freundschaft schließen müssen? Es gab doch genug andere Kinder in Warfstede.

»Ich weiß, wie ich die Kogge nennen werde«, erklärte Wilke. »Magnus soll sie heißen.«

»Ein guter Name«, sagte Folkmar. Der heilige Magnus war der Patron von Harlingerland, jener Landesgemeinde, zu der Warfstede gehörte. Seine Reliquien lagen im nahen Marktflecken Esens.

Wilke interessierte sich für die Arbeit an der Kogge und löcherte ihn mit Fragen zum Holz, zur Klinkerbauweise, zur Beschaffenheit von Brat- und Gangspill. Obwohl Folkmar bestens über diese Dinge Bescheid wusste, war es ihm nicht gegeben, sie anderen in verständlichen Worten zu erklären. Doch ihr Gastgeber hörte seinen einsilbigen Antworten ohnehin kaum zu. Wilke schien plötzlich zu einem Experten auf dem Gebiet des Schiffbaus geworden zu sein und erklärte Folkmar, wie er seine Arbeit zu tun habe. Irgendwann nickte Folkmar nur noch und trank schweigend seinen Wein.

Als sein Becher leer war, winkte Wilke Jann heran.

»Unser Gast sitzt auf dem Trockenen.«

Der Junge eilte zum Steinhaus und kam mit einer vollen Kanne zurück. Folkmar war der Einzige, der bemerkte, dass Here den Fuß ausstreckte. Jann stolperte darüber und schüttete seinem Vater einen Schwall Wein auf das Festgewand. Here fing an zu lachen. Wilke dagegen lief rot an.

»Du dummer Tölpel!«, brüllte er und sprang auf. Jann wich zurück, die Augen aufgerissen. Wilke schlug ihm ins Gesicht, sodass er taumelte und die Kanne fallen ließ.

»Der gute Wein!« Wilke schlug noch einmal zu, diesmal so hart, dass Jann stürzte. »Steh auf!«

Dem Jungen liefen die Tränen über die Wangen, doch er gehorchte. Abermals traf ihn Wilkes gewaltige Pranke und schmetterte ihn zu Boden. Der Vorgang wiederholte sich: aufstehen, zuschlagen, hinfallen. Und noch einmal: aufstehen, zuschlagen, hinfallen. Niemand am Tisch sagte etwas. Die Diener standen stocksteif da. Here war das Lachen vergangen. Folkmar umklammerte den Becher und brachte kein Wort heraus.

»Vater, hör auf«, wisperte Abbe schließlich.

»Willst du der Nächste sein?«, bellte Wilke. Er packte Jann am Kragen, zerrte ihn auf die Füße und hob die Faust. Dieser Schlag war der letzte. Jann blieb auf der Erde liegen, keuchend, halb ohnmächtig. Er blutete an der Lippe, der Wange, der Augenbraue. Als Wilke sich an den Tisch setzte, eilte Gela herbei, von Tränen überströmt. Sie half ihrem Jungen auf und führte ihn fort.

Wilke riss Sibbe den Lappen aus der Hand und tupfte sein Gewand ab. Höllenfeuer glühte in seinen Augen. »Nutzlos wie ein dreibeiniger Esel«, knurrte er. »Bei Gott! Hätte ich ihn damals nur im Moor ausgesetzt und den Wölfen überlassen. Es wäre für uns alle das Beste gewesen.«

***

Als Jann aufwachte, war er allein in der Halle. Nackt lag er auf dem Schlaflager, das er sich mit seiner Mutter teilte. Er konnte nicht richtig sehen – das linke Auge war zugeschwollen. Die Lippe, der Kiefer, der ganze Kopf tat weh.

Er wusste nicht, wie lange er bereits hier lag. Das Letzte, woran er sich erinnerte, waren die Schläge. Alles danach war ein Wirrwarr aus Schmerz, Benommenheit und Finsternis. Seine Mutter hatte bei ihm gewacht, hatte ihm Mohnsaft gegeben und seine Wunden gepflegt. Wo war sie jetzt? Wahrscheinlich arbeitete sie oben in den Gemächern.

Der Mast!, durchfuhr es ihn.

Jann schlug die Decke zur Seite und torkelte, als ihn jäher Schwindel überfiel. Er atmete tief ein und aus, bis es ihm besser ging. Dann zog er seinen Kittel an. Jede Bewegung ließ den Schmerz in seinem Schädel aufjaulen. Langsam ging er zum Eingang, die Tür stand offen. Vor ihm lag der Hafen von Warfstede mit den Fischerbooten; dahinter gleißte der See wie ein Silberspiegel im Licht von hundert Kerzen. Geblendet hob er die Hand vors Gesicht. Es musste Mittag sein. Draußen lud einer der Knechte Torfballen vom Karren und schimpfte auf die Hühner, die im Gras nach Ungeziefer suchten und ihm ständig zwischen die Füße gerieten.

Jann schaute zur Lastadie und blinzelte mit dem gesunden Auge. Auf dem Deck der Kogge bewegten sich mehrere Gestalten. Der Mast stand noch nicht. Jann seufzte erleichtert. Er wollte auf keinen Fall verpassen, wie der Mast gesetzt wurde.

Die Halle befand sich im ersten Stock des Steinhauses; zum Eingang führte eine Leiter, die bei Gefahr heraufgezogen werden konnte. Vorsichtig kletterte Jann hinunter und trat auf den Weg. Er fühlte sich schwach und schwindelig, sein Gesicht pochte. Doch er hatte schon vor langer Zeit gelernt, Schmerzen zu ertragen. Die Schläge am Sonntag waren nicht die ersten gewesen, und nicht die schlimmsten.

Der schwitzende Knecht stopfte die Torfklumpen in zwei Eimer, die er mit einem Tragjoch schulterte. Als Jann seinen Weg kreuzte, schaute er rasch zur Seite und machte, dass er fortkam. So war es immer, wenn sein Vater ihn prügelte. Anschließend mieden ihn die Diener. Und nicht nur die: Auch Unicke, Here und Onkel Ippe gingen ihm aus dem Weg, mitunter tagelang.

»Haben sie Angst, dass sie auch eine Abreibung kriegen, wenn sie mit mir reden?«, hatte er einmal Abbe gefragt. Außer seiner Mutter war Abbe der Einzige, der zu ihm hielt, egal, was geschah.

»Sie schämen sich«, hatte sein Halbbruder geantwortet.

»Warum?«

»Weil sie daneben standen und nichts gesagt haben.«

Abbe Wilken war viel klüger als er. Jann hatte schon viel von ihm gelernt.

Er hielt nach ihm Ausschau, als er die Wurt hinabstieg, konnte ihn jedoch nirgends entdecken. Wahrscheinlich war er bei Onkel Ippe in der Kirche. Die beiden saßen oft zusammen und redeten über Bücher.

Dafür erblickte er seinen Vater. Wilke stand am Hafen und sprach mit zwei Hofleuten der Familie. Janns Herz begann heftig zu pochen, Schmerz blitzte in seinem Schädel wie Wetterleuchten. Dabei hatte er vermutlich nichts zu befürchten. Mit Wilkes Zorn war es wie mit dem Meer: Auf eine tosende Sturmflut folgte meist eine längere Flaute. Doch sicher konnte man nicht sein. Jann verbarg sich hinter dem Haus des Segelmachers. Es dauerte nicht lange, bis Wilke den Bauern die Hände schüttelte und zum Steinhaus schritt. Als er weg war, lief Jann am See entlang.

Die Zimmerleute gingen gerade von Bord, um Pause zu machen. Folkmar war der Letzte, der über die Planke balancierte. Jann überlegte, sich im Röhricht zu verstecken. Er kannte eine gute Stelle im Schilf, von der aus man die Kogge betrachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Seit ihrer Begegnung in der Werkhütte hatte er Angst vor Folkmar Peters. Er zögerte zu lange. Der Meister blieb auf der Planke stehen und starrte grimmig in seine Richtung. Jann wusste nicht, was er tun sollte. Es war ein Fehler gewesen, herzukommen, noch dümmer als die Idee, Folkmar zu fragen, ob er Zimmermann werden könne. Der Meister würde ihn wieder fortjagen. Niemand wollte ihn haben. Er war nur ein Bastard, der Schandfleck der Familie, zu nichts zu gebrauchen.

In diesem Moment winkte Folkmar. Jann stand ratlos auf dem Pfad.

»Komm schon her, Junge!«, rief der Meister mit jener unverkennbaren Stimme, die wie knarzende Takelage klang.

Wachsam marschierte er los. Es wäre wahrlich nicht das erste Mal, dass sich Dorfbewohner einen Spaß daraus machten, ihn zu demütigen. Lauerten ihm die Gesellen hinter der nächsten Hütte auf? Er machte sich bereit, die Beine in die Hand zu nehmen. Laufen konnte er. So schnell holte ihn nicht einmal ein Erwachsener ein.

Doch die Männer saßen einfach da, verspeisten ihr Brot und beachteten ihn nicht. Jann trat auf den Anleger. Folkmar machte dasselbe Gesicht wie der Knecht, bevor er eilends den Torf weggetragen hatte.

»Du siehst furchtbar aus«, brummte der Meister.

Jann zuckte mit den Schultern.

»Komm rauf.«

Mit klopfendem Herzen erklomm Jann die Planke und kletterte über die Reling. Er war schon manches Mal mit einem Boot ins Watt hinausgefahren, doch an Bord eines richtigen Schiffes war er noch nie gewesen. Alles roch neu, nach Harz, Teer und Sägespänen.

»Schau dich um.«

Folkmar verweilte an der Reling, während Jann ehrfürchtig über das Deck ging. Vor der mächtigen Winde im Achterschiff blieb er stehen und betrachtete die tonnenförmige Spindel, die in dicke Balken eingefasst war.

»Weißt du, was das ist?«

»Das Bratspill«, antwortete Jann.

»Wofür ist es gut?«

»Zum Auftoppen und Anbrassen des Segels. Und man kann damit Fracht in den Laderaum hinablassen.«

»Da, wo du jetzt stehst, kommt das Kastell hin«, sagte Folkmar. »Wenn es fertig ist, setzen wir eine zweite Seilwinde ein.«

»Das Gangspill«, erklärte Jann. »Damit kann man den Anker hieven.«

»Du weißt viel über Schiffe.«

Jann nickte eifrig. Nun zahlte es sich aus, dass er seit Wochen die Arbeiten auf der Lastadie beobachtete und den Zimmerleuten zuhörte.

»Am Nachmittag wollen wir den Mast einzapfen«, sagte der Meister.

Jann nahm seinen ganzen Mut zusammen. »Darf ich zusehen?«

»Du kannst uns helfen, wenn du willst. Es ist harte und gefährliche Arbeit. Ich kann ein weiteres Paar Hände gebrauchen.«

Jann wusste nicht, was er sagen sollte. Nahm Folkmar ihn auf den Arm?

»Willst du immer noch Schiffe bauen?«, fragte der Meister.

Jann nickte.

»Ich kann dich nicht zum Schiffszimmermann ausbilden. Das weißt du, oder? Die Zunft verbietet es. Aber du kannst mein Gehilfe sein. Ungelernt, für einen Pfennig am Tag. Willst du das?«

Jann konnte es nicht fassen. »Ja«, brachte er hervor.

»Sofern dein Vater es erlaubt«, sagte Folkmar.

»Er hat bestimmt nichts dagegen!« Die Wörter sprudelten nur so aus Janns Mund.

»Er ist froh, wenn er dich nicht sieht, was? Ich rede nachher mit ihm – wir kriegen das schon hin.« Der Meister blickte ihn streng an. »Du bekommst hier nichts geschenkt. Du wirst hart arbeiten müssen. Wenn ich nicht zufrieden mit dir bin, musst du gehen.«

»Ich will mich anstrengen«, versprach Jann.

»Komm.« Sie verließen das Schiff und gingen zu den Gesellen, die vor einem Schuppen schmausten. »Das ist Jann Wilken, mein neuer Gehilfe. Er fängt heute an.« Während Folkmar das sagte, lag seine Hand auf Janns Schulter.

Die Männer lächelten freundlich.

»Bist du nicht der Bastard von Wilke Osinga?«, meinte ein Geselle, der neu im Dorf war und sich noch nicht auskannte.

»Seine Herkunft ist nicht von Belang. Uns hat nur zu kümmern, ob er gut arbeitet«, sagte Folkmar entschieden. »Jetzt gebt dem Jungen einen Kanten Brot und einen Becher Bier.«

Sie aßen, sie tranken, und später setzten sie den Mast.

ENDE